Leserbrief – Keine Spenden für Misereor

    Uns wurde ein Leserbrief zugesendet, das katholische Hilfswerk Misereor kritisiert das fast 60 Prozent des angebauten Getreides in Deutschland an Tiere verfüttert werden, ein Eichstätter Schweinebauer hat deswegen nun zum Spendenboykott aufgerufen.

    Als Ständiger Diakon mit Zivilberuf Landwirt in der katholischen Kirche hat mich diese Nachricht in den letzten Tagen erreicht – aber ehrlich gesagt nicht besonders überrascht. Der Schweinehalter Johannes Scharl rief dazu auf, kein Geld mehr an Misereor zu spenden. Warum? Die katholische Hilfsorganisation Misereor hat derzeit – zusammen mit Greenpeace – eine Petition mit den Namen: „Kein Essen in Trog und Tank“ veröffentlicht und ruft zum Unterschreiben auf.

    https://www.misereor.de/petition-kein-essen-in-trog-und-tank

    Landwirt Scharl ist schon leidgeprüft, denn er befindet sich mit seinem Betrieb in der Diözese Eichstätt, die sich in der Vergangenheit schon mehrmals mit Unkenntnis und pauschalen Verunglimpfungen gegen die konventionelle Landwirtschaft hervortat.

    Dass aber nun eine katholische Hilfsorganisation gemeinsame Sache mit der Kampagnen-Organisation Greenpeace macht, hat eine neue Qualität. Es sind zwar beide professionelle Spendensammler, aber zumindest bei Misereor unterstellt man als Katholik noch hehre Ziele, von denen man bei Greenpeace definitiv nicht ausgehen kann. Die jetzt von Misereor vorgebrachten Argumente in der Petition negieren die Fakten und basieren auf Populismus.

    Hier die offensichtlichsten Widersprüche:

    1. In der Vergangenheit mahnte Misereor immer wieder an, die landwirtschaftlichen Exporte aus der EU würden den Weltmarktpreis nach unten drücken und somit den Kleinbauern in den Entwicklungs- und Schwellenländern keine Chance bieten, rentabel zu produzieren. Nun fordert aber Greenpeace und Misereor in der Petition, die ausgefallenen Getreideexporte aus der Ukraine und Russland zu ersetzen. Was gilt nun? Exporte in die armen Länder? Ja oder nein?

    2. Warum misst Misereor mit zweierlei Maß? Während man der Landwirtschaft klimaschädliche Produktion unterstellt obwohl sie im Kreislauf wirtschaftet, so nimmt es Misereor und Greenpeace als normal hin, dass Deutschland als Industrie-Exportnation sowohl ihre Rohstoffe als auch die benötigte Energie importieren, hier produzieren und somit sich permanent gegen Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Land stellen.

    3. Warum stellt sich bei Misereor keiner die einfache Frage: „Warum hat der Mensch überhaupt einmal damit begonnen Nutztiere zu halten, wenn sie doch nach ihrer Ansicht als „Futter“Konkurrent auf den Flächen auftreten?“ Die Antwort ist ganz einfach, weil Rinder/Ziegen/Schafe schon immer auch Flächen (Grünland, Steppe) nutzbar machten, die für den Menschen nicht direkt als Nahrungsquelle verwertbar waren. Als Abfallverwerter traten dann noch Schwein und Huhn hinzu. All dies wird inzwischen bei der Diskussion „Trog oder Teller“ komplett ausgeblendet.

    4. Misereor unterstellt in seiner Berechnung, dass alle Ackerflächen, die derzeit für Futterbau oder nachwachsende Rohstoffe verwendet werden, gleichwertig für die direkte Nahrungsmittelerzeugung verwendet werden könnten. Was dabei ausgeblendet wird: Bodenverhältnisse, Niederschläge, Temperatur, Lage, Nährstoffversorgung, Fruchtfolge – viele Dinge beeinflussen im Anbau, ob backfähiges Getreide erzeugt werden kann. Gerade dieses Jahr zeigt wieder, wie viel Getreidepartien eben diese Qualitäten nicht erreichen und „Gott seid Dank“ über den Trog und den Tiermagen dann doch noch zu hochwertigen Lebensmittel veredelt werden können und nicht entsorgt werden müssen.

    5. Eine weitere Frage: Wie möchte Misereor die ganzen Nebenprodukte (Kleie, Trester, Schalen, Rübenschnitzel usw.) aus der Nahrungsmittelherstellung in Zukunft noch sinnvoll verwerten, wenn diese nicht zusammen mit qualitätsgeminderten Getreidepartien zu Futter für Nutztiere verarbeitet werden kann?

    6. Ein wichtiges Argument für Misereor ist die Reduzierung der Tierhaltung aus Klimaschutzgründen. Nur vergisst Misereor dabei, dass der Rückgang von der Nachfrageseite ausgehen muss und nicht von einer national erzwungenen Reduktion der Produktion. Ansonsten füllt ausländische Ware die entstandene Lücke. Diese wird vermutlich umweltschädlicher produziert, was kontraproduktiv für das Klima ist.

    7. Wenn denn die „Verschwendung“ von Getreide und Co. zur Tierernährung nach Meinung Misereor moralisch verwerflich sei, warum gilt dies dann nur für Nutztiere? Wäre es dann nicht noch viel verwerflicher Heim- und Haustiere damit zu füttern? Also Tiere, die nur zum Spaß oder als Ersatz für mangelnde soziale Kontakte als Kind- oder Partnerersatz dienen, zu halten, ohne den Aspekt „Beitrag zur Verminderung des Welthungers“! Eigentlich müsste die Abschaffung, oder zumindest die Halbierung der Haustiere ihre erste Forderung sein.

    8. Uns Landwirten wird seit Monaten von Politik, Kirche und Medien vorgegaukelt, der Verbraucher sei durchaus bereit, für mehr Tierwohl und mehr Bio auch mehr zu bezahlen. Die derzeitigen Absatzzahlen zeigen ganz etwas anderes, zum Leid der Biobauern die derzeit auf ihrer Ware sitzen bleiben. Eine Absatzkette die funktionieren soll (wie der Begriff „Kette“ schon verdeutlicht) muss von der Seite des Absatzes her gezogen werden – eine Kette kann nicht von der Produktionsseite „geschoben“ werden. Doch dieser Eindruck wird erweckt.

    9. Wenn mineralischer Dünger fehlt sind Mist und Gülle aus der Tierhaltung der letzte Rettungsanker, um den Backweizen noch mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen. Die Bodenfruchtbarkeit in unserer Region ist maßgeblich vom Zusammenspiel mit der Tierhaltung abhängig. Ohne Tierhaltung ist das nicht möglich.

    • Was sind die Gründe für die Vorgehensweise von Misereor?

    Begonnen mit dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und dessen Verschwendungssucht und den danach folgenden, jahrelangen Berichten über Missbrauch in der Kirche, haben dem Ansehen der Kirche massiv geschadet. Sie war nicht gewohnt, kritisiert zu werden. Um sich wieder dem verlorenen Kirchenvolk zu nähern, unterliegt man nun der Versuchung, sich dem landwirtschaftskritischen Mainstream anzugleichen um wieder Sympathien zu erwerben.

    Im Klartext: Man schließt sich der Mehrheitsmeinung an, ohne kritisch zu hinterfragen, nur um mit der Masse mitlaufen zu dürfen – was würde Jesus wohl zu solch einem Verhalten sagen?

    Als Diakon erschreckt mich dieses Bild einer Kirche, die nur mit der Mehrheit läuft um geliebt zu werden und sich nicht schützend vor die Schwächeren stellt. Da nach wie vor die ländliche Bevölkerung und insbesondere die Bauern noch die Kirche am Land hochhielten, wohl ein Eigentor. Auch wenn es mich als Diakon im Herzen schmerzt: ich kann es verstehen, wenn Berufskollegen aufgrund dieser unqualifizierten Kritik von Seiten Misereors mit Hilfe Greenpeace dann aus der Kirche austreten oder zum Spendenboykott aufrufen. Damit hat Misereor der katholischen Kirche einen Bärendienst erwiesen und ist auch für weiteren Glaubens- und Mitgliederverlust der Kirche mitverantwortlich.

    Jürgen Donhauser, Landwirt

    Lesermeinungen sind die persönliche Meinung der Schreiber und entsprechen nicht unbedingt der Auffassung der Redaktion.

    Zuerst veröffentlicht auf Bauer Willi.

    Bildquelle: ML-Archiv

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