Leserbrief – Herr Özdemir, wie soll ich sein, was soll ich tun?

    Uns wurde ein Leserbrief zugesendet, in dem wird dem Landwirtschaftsminister Cem Özdemir die Frage gestellt, wie wollen sie ihre Ziele in der Landwirtschaft umsetzen?

    Sehr geehrter Herr Özdemir,

    mit großer Freude habe ich Ihre Aussage vernommen: „Niedrige Lebensmittelpreise und Entlohnung der Bauern sind eine Sauerei“. Damit sprechen sie mir als Landwirt aus der Seele!

    Allerdings habe ich in meinem Leben schon viele Landwirtschaftsminister kommen und gehen sehen. Und so sehr ich Ihnen Erfolg mit ihren Aussagen wünsche, aber so bleibt doch bei mir haften: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“!

    Folgende Fragen hätte ich:

    • Wie wollen sie die Preise anheben, damit sie einen realistischen Wert der Lebensmittel widerspiegeln?

    Ein gesetzlicher Mindestpreis ist nicht durchsetzbar, höchstens ein „moralischer Mindestpreis“. Sie könnten aber, wie die Spanier, in der UTP-Richtlinie festlegen, dass kein Kaufabschluss unter Herstellungskosten zustande kommen darf

    • Wie wollen sie mehr Tierwohl umsetzen, wenn nicht einmal die gesetzlichen Möglichkeiten für die Genehmigung (Immissionsschutz) solcher Tierwohlställe politisch geschaffen wurden?

    Mein Betrieb befindet sich am Ortsrand. Ein Auslauf bzw. offener Stall mit Außenklima ist wegen der Anwohner gar nicht möglich. Ein komplett neuer Stall im Außenbereich für 2,5 Mio ist unrealistisch und zudem ebenso genehmigungsrechtlich nicht umsetzbar.

    • Wie wollen Sie die Tierhalter nochmals dazu animieren Investitionen in solche Tierwohlställe zu unternehmen, wenn gerade in den letzten Jahren keinerlei dauerhafte Verlässlichkeit auf politische Entscheidungen zu erfahren waren?

    Ein Stall wird auf mindestens 20 Jahre finanziert und abgeschrieben. Wir bekommen aber alle paar Jahre drastische Veränderungen in den Haltungsvorschriften.

    • Wie wollen Sie verhindern, dass der LEH zwar dem Verbraucher höhere Lebensmittelpreise abverlangt, aber nicht eine gerechte Entlohnung an uns Landwirte weitergibt, damit wir die Mehrkosten für mehr Tierwohl schultern können?

    Denn derzeit überschlagen sich die LEH’s und Verarbeiter mit vordergründigen Tierwohlanforderungen, die sie aber nur in einem kleinen Sortiment als Imagepflege anwenden, um den Großteil weiterhin billigst aus deutlich schlechteren Haltungsbedingungen zum Teil aus dem Ausland beziehen.

    • Wie wollen Sie sicherstellen, dass die ständig steigenden Anforderungen an uns Landwirten und die damit verbunden Mehrkosten nicht bei uns Produzenten allein hängen bleiben, und die Verarbeiter und der Handel sich ungeniert weiterhin die Margen erhöhen?

    Warum erweitern sie das Lieferkettengesetz nicht um den Punkt Tierschutz nach deutschem Standard, wenn Tierschutz doch ein Staatsziel ist? Denn das deutsche Ferkel hat beim Kastrieren jetzt die höchstmögliche Schmerzausschaltung. Trotzdem können ungehindert Ferkel aus anderen Ländern mit schlechterer oder gar keiner Narkose nach Deutschland geliefert werden. Ebenso verhält es sich mit allen anderen tierischen Produkten die importiert werden.

    • Haben Tiere in anderen Ländern weniger Anspruch auf Schutz?

    Was von den Umwelt- und Tierschutzverbänden gefordert wird, wird nicht einmal im Einkaufsverhalten ihrer eigenen Mitglieder und Förderer erfüllt, denn sonst wären die Absatzzahlen von Bio schon weit höher. Wenn also schon der Verbraucher nicht bereit ist über die Bezahlung eines gerechten Produktpreises meine Mehrleistungen zu entlohnen, wie kann man dann dieses finanzielle Loch schließen, damit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann? Der Staat versuchte dies in der Vergangenheit auch mit Ausgleichszahlungen zu tun. Dieses Entlohnungsmodell hat aber einen Haken.

    Die Beweggründe für die Ausgleichszahlungen werden von Politik und Gesellschaft schnell vergessen, und in kürzester Zeit wird mir dies als Subvention vorgeworfen, ohne sich an die ursprünglichen Beweggründe zu erinnern. Außerdem, so hat sich in der Vergangenheit gezeigt, unterliegen die Höhe und die Anforderungen dieser Ausgleichszahlungen der Willkür des Mainstreams, der Haushaltslage und des politischen Kalküls. Gerade aber in der Tierhaltung, bei denen langfristige (mind. 20 Jahre) Investitionen in Gebäuden notwendig sind, fehlt dadurch Verlässlichkeit.

    Ich hatte erst vor 2 Jahren für unsere Schweine noch Bewegungsbuchten für mehr Tierwohl nach geltenden Recht eingebaut, diese sind nach einem Gesetzesbeschluss vergangenen Jahres aber zukünftig nicht mehr gesetzeskonform.

    Wie soll ich das meiner Bank erklären? Wie soll ich eine weitere Veränderung vornehmen, wenn noch nicht einmal die alten Investitionen abbezahlt werden konnten?

    Wie würde es ihnen ergehen, wenn sie vor 3 Jahren ein Haus mit Finanzierung durch die Bank gebaut hätten, und nun durch veränderte gesetzliche Bestimmungen dieses Haus innerhalb der nächsten 5 Jahre abreißen müssten, weil die neuen Anforderungen nicht einmal mit einem Umbau des Hauses zu erfüllen wären?

    Ich habe den Verdacht, dass wir beim Thema Tierwohl schon lange die wissenschaftliche und fachliche Basis verlassen haben, und nur noch emotional entschieden wird. Ich komme mir vor wie in der Geschichte mit Hase und Igel. Bevor ich die neuen Haltungsvorschriften erreiche, ist schon wieder die Forderung nach etwas Neues aufgeworfen. So kann ich nicht investieren! Vielleicht sollten Sie ihre „Ratgeber“ für Tier- und Umweltschutz ernsthaft hinterfragen.

    • Geht es Greenpeace, Tierschutzbund etc. wirklich um das Wohl der Tiere?

    In Deutschland wird durch das Vorgehen der NGO‘s die Tierhaltung massiv reduziert, während in anderen Ländern im Gegenzug unter deutlich schlechteren Bedingungen die Tierhaltung ausgebaut wird, um anschließend dann die Produkte zu uns zu exportieren. Was haben wir damit erreicht? Den Tieren geht es schlechter, die Umwelt wird mehr belastet, wir haben keine Kontroll- und Einflußmöglichkeit mehr und unsere bäuerlichen Familien wurden für immer vernichtet.

    • Geht es den NGO’s wirklich um eine Verbesserung?

    Oder möchte man durch permanente Kritik nur im Gespräch bleiben um sich dadurch zu finanzieren? Einer vertrauensvollen und lösungsorientierten Zusammenarbeit mit uns Landwirten haben sich die NGO’s bisher immer entzogen um tragbare und dauerhafte Lösungen zu erarbeiten.

    Ist ihr Ziel vielleicht in Wirklichkeit ein anderes?  

    Möchte man im Grunde die Nutztierhaltung in Deutschland gänzlich abschaffen?

    Ist das Ziel alle zur veganen Ernährung um zu erziehen?

    Haben die Menschen in ihrer virtuellen Welt inzwischen ein generelles Problem sich mit natürlichen Abläufen zu identifizieren?

    Hat sich die urbane Bevölkerung in ihrer Blase schon so weit von der Natur und deren Zusammenhängen (Leben und Tod) entfremdet, dass sie mental nicht mehr in der Lage sind, natürliche moralische Konflikte auszuhalten und zu verstehen?

    • Flüchtet sich die Gesellschaft bei der Landwirtschaft in den Wunsch einer heilen Traumwelt, weil man die Konflikte des eigenen Konsums und Lebens zwar spürt, aber möglichst keine Veränderungen bzw. Einschränkungen vornehmen möchte?

    Nimmt man das eigene Verhalten als „normal“ war, und sieht nur die „Probleme“ der Landwirtschaft weil man sich von ihr endfremdet hat?

    Jürgen Donhauser, Landwirt

    Lesermeinungen sind die persönliche Meinung der Schreiber und entsprechen nicht unbedingt der Auffassung der Redaktion.

    Bildquelle: ML-Archiv

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