ISN: ALDI VERHÖHNT MIT EINKAUFSGEBAREN DEUTSCHE SCHWEINEHALTER

    ALDI Nord und ALDI SÜD haben seit gestern die Preise für verschiedene Frischfleischprodukte teils erheblich gesenkt und verweisen auf die Überproduktion in Deutschland. Andere Händler wollen nachziehen.

    ISN: Schweinehalter sehen sich enormer Marktmacht einzelner Lebensmittelhändler ausgesetzt. Preisdruck ist ein völlig falsches Signal zur Unzeit. Der deutsche Schweinebestand ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Temporäre Preisaktionen sind ok – generelle Preissenkungen nicht. ALDI sonnt sich als ‚Inflationsbremser‘ auf dem Rücken der hiesigen Schweinehalter.

    Nach den Berichten in der Bildzeitung und zahlreicher weiterer Medien haben ALDI Nord und ALDI SÜD seit gestern die Preise für zahlreiche Frischfleischprodukte zum Teil erheblich gesenkt. Man gebe sinkende Einkaufspreise an Kundinnen und Kunden weiter und leiste so einen Beitrag zur Abschwächung der Inflation, wird ein Sprecher der beiden Unternehmen in Essen zitiert.

    Auch der EDEKA-Konzern habe bereits angekündigt, die Preise in den kommenden Tagen anzupassen. Nachdem es Anfang des Jahres zunächst einen deutlichen Anstieg am Markt gegeben habe, sehe man wieder sinkende Basispreise insbesondere bei Schwein, das liege nicht zuletzt an den nach wie vor hohen Überkapazitäten in Deutschland, wird ein Unternehmenssprecher u.a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert.

    Preisdruck völlig falsches Signal zur Unzeit

    Wir deutschen Schweinehalter machen auf unseren Betrieben seit vielen Monaten erhebliche finanzielle Verluste. Uns fehlen in Ferkelerzeugung und Schweinemast aktuell weiter 60-70 € am Schwein. Viele von uns haben schon aufgegeben und vielen steht das Wasser finanziell bis zum Hals. Und trotzdem geht es den Einkäufern im Lebensmittelhandel scheinbar – aller Bekenntnisse zu 5xD zum Trotz – weiter ausschließlich darum, möglichst billig einzukaufen. Wahrscheinlich wollen sie sich so als ‚Inflationsbremser‘ sonnen, aber eben auf Kosten der hiesigen Bauern und nicht zu Lasten der Konzernbilanz. Die Marktmacht einiger weniger Lebensmitteleinzelhändler ist enorm, so Schweinehalter und ISN-Vorsitzender Heinrich Dierkes.

    Das Gebaren des Handelsunternehmens ALDI ist ein völlig falsches Signal zur Unzeit, ergänzt ISN-Geschäftsführer Dr. Torsten Staack. Er erläutert: Ja, die Fleischläger sind voll und das Angebot an Fleisch ist reichlich. Gegen temporäre verkaufsfördernde Aktionen im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) wäre deshalb auch gar nichts zu sagen – generelle Preissenkungen und Druck auf die Einkaufspreise sind hingegen ein Schlag in das Gesicht der deutschen Schweinehalter. Denn: Wir haben inzwischen den niedrigsten Schweinebestand seit der Wiedervereinigung in Deutschland. Das deutsche Angebot an Schweinefleisch ist also massiv zurück gegangen. Schon heute rollt eine Ausstiegswelle, die wir in so einem Ausmaß bislang noch gar nicht kannten – allein im vergangenen Jahr ist jeder zehnte Schweinehalter ausgestiegen. Deutsche Schweinehalter fahren durch die Häufung der Krisen (Corona, Afrikanische Schweinepest, verrücktspielende Rohstoffmärkte usw.) seit nunmehr zwei Jahren massive finanzielle Verluste ein, deswegen mussten viele bereits aufgeben. Wenn Aldi jetzt von Überkapazitäten spricht, dann sollte man aber auch erwähnen, dass sich das auf das Angebot auf dem EU-Markt bezieht. Während hierzulande die Betriebe aufgeben, haben Spanier und andere die Schweinehaltung ausgebaut. Das nutzen die Aldi-Einkäufer jetzt brutal aus!

    An Doppelmoral kaum zu überbieten

    Ganz besonders ärgert uns die Doppelmoral, die man hier an den Tag legt, so der ISN-Vorsitzende Heinrich Dierkes. Auf der einen Seite formulieren ALDI Nord und ALDI SÜD werbewirksam hohe Ziele wenn es um das Tierwohl geht. Man bekennt sich blumig zur Herkunft Deutschland – lässt das nun aber völlig unter den Tisch fallen. Stattdessen nutzt man den Preisdruck an den internationalen Fleischmärkten, um uns hiesigen Landwirten in den Rücken zu fallen, bringt es Dierkes auf den Punkt.

    Wer in so einer existentiellen Phase von den deutschen Tierhaltern immer höhere Standards fordert und gleichzeitig bei der Bezahlung auf die Preise am Weltmarkt verweist, der zeigt seinen wahren Charakter! Das ist so, als würde man eine Luxuslimousine fordern, aber einfach nur einen Kleinwagen bezahlen – das ist einfach nur noch dreist und Greenwashing pur! kritisiert Staack. Der Deutsche Award für Nachhaltigkeitsprojekte 2022 in der Kategorie Lieferkette, den das Unternehmen jüngst für das Projekt Haltungswechsel bekommen hat, wird jedenfalls ad absurdum geführt. Den sollten sie direkt zurückgeben, macht Staack seinem Ärger weiter Luft. Denn wenn die hiesige Schweinehaltung so schnell fallen gelassen wird und diese somit weiter ins Ausland getrieben wird, hat das mit Nachhaltigkeit nichts zu tun – im Gegenteil. Wer so agiert, dem sind heimische Erzeugerstandards und Nachhaltigkeit völlig egal.

    Enorme Marktmacht – wie reagiert die Politik

    Das Vorgehen von ALDi hat eine verheerende Signalwirkung, erläutert Staack: Andere Lebensmitteleinzelhändler springen auf den Zug auf. Dass es ausgerechnet EDEKA zuallererst ist, wundert uns angesichts unserer bisherigen Erfahrungen wenig.

    Wir sehen uns als Schweinehalter der enormen Marktmacht einzelner Unternehmen im Lebensmittelhandel ausgesetzt, beklagt Schweinehalter Heinrich Dierkes und ergänzt: Das Verhalten dieser Händler führt aber auch alle Dialogformate zwischen der Landwirtschaft und dem LEH ad absurdum, denn da muss man sich nun ernsthaft fragen, welchen Sinn die noch haben? Mit diesem Verhalten müssen wir annehmen, dass sie nur eine Hinhaltetaktik der Lebensmitteleinzelhändler sind, um unsere Schlepper von ihren Zentrallagern fern zu halten.

    Er zieht weiter das Resümee: Den Händlern scheint es jedenfalls vollkommen gleichgültig, ob wir in unseren Betrieben weiter hierzulande zu hiesigen Standards Schweine erzeugen. Dabei zeigt sich einmal mehr: Geiz ist geil, höhere Haltungsstufen eher nicht. Zum Nachteil von uns Bauern. Das sollte auch die Politik und insbesondere Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir zur Kenntnis nehmen. Mit besagten Unternehmen hat er sich im Zuge der Festlegung seiner Haltungsform-Eckpunkte intensiv besprochen – mit den Bauern eher nicht!

    Nachhaltigkeitspreis und Preisdruck – Wie passt das zusammen?

    EDEKA-Chef Mosa: „Landwirtschaft setzt lieber auf billiges Fleisch“

    Mehr Informationen zum Hintergrund hier im Faktenpapier zur Schweinehaltung in Deutschland:

    Quelle: ISN

    Bildquelle: ISN / Bild / Tagesschau / MDR / Aldi Nord / Canva

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