„Wir sind sehr gespannt, wie die Sauen das annehmen“, sagen die Hofbetreiber Markus, Meike und Johannes Wilhelm aus Mulfingen. Sie haben erste Freilaufbuchten für ihre Muttersauen samt Nachwuchs gebaut. Damit haben die jungen Schweinefamilien mehr Platz und strukturierte Bereiche. Das hat zur Folge, dass der Hof seinen Tierbestand um rund 25% reduzieren muss, damit es auch in den jetzigen – erst 2020 bezogenen – Ställen vom Platz her wieder passt. Rechnet sich das?

Sie wissen noch nicht genau, ob sich das rechnen wird, wenn sie mit weniger Schweinen in ihren Ställen mit der jetzigen Haltungsstufe 2 dann auf die Haltungsstufe 4 wechseln. Dafür müssen sie Ihre fast neuen Gebäudeschon wieder umbauen. Diese wurden, teils mit EU-Mitteln, gerade erst gebaut und waren bis zur Eröffnung vor knapp 2 Jahren förderungswürdig, also auf dem neuesten Stand. Um genau diese Förderung nicht zurückzahlen zu müssen, ist es Bedingung, dass die Ställe noch weitere 10 Jahre betrieben werden. Trotzdem sind sie nicht mehr für die Zukunft des Sohnes Johannes geeignet. Wie das? Die vom Lebensmitteleinzelhandel eingebrachten und von der Politik beschlossenen Haltungsstufen für mehr Tierwohl, machten die Ställe der Familie Wilhelm auf den Tag der Eröffnung genau zum ‚Auslaufmodell‘. Ein, die Situation besonders verdeutlichender, Fall, in dem viele Landwirte so oder ähnlich stecken. „Entscheidungen sind nicht lange haltbar und auf die Politik ist, wie man an unserem Stallbau sieht, wenig Verlass“, sagt Markus Wilhelm zu Recht deutlich. Sohn Johannes setzt eins drauf und gesteht: „Aktuell kommen nur rote Zahlen raus. Deshalb haben wir uns Alternativen überlegt. Hauptsächlich für mich.“ Die derzeitigen Hofinhaber wollen – wie alle Eltern – ihren Kindern den Weg in die Zukunft sichern. Das heißt für Landwirte: Den Familienhof einmal gut geführt übergeben.

Zukunft auf dem Hof sicherstellen. Der älteste Sohn Johannes Wilhelm schreibt gerade seine Masterarbeit an der Akademie in Kupferzell und freut sich auf den Abschluss als Landwirtschaftsmeister. Damit die Wilhelms Planungssicherheit für ihre erneuten Investitionen bekommen, haben sie einen Vertrag mit einem großen Vermarktungspartner für das gentechnikfreie Tierwohlprogramm ‚Hofglück‘ abgeschlossen. „Es hat sich letztes Jahr herausgebildet, dass das ein Weg sein könnte“, sagt Landwirt Markus Wilhelm. Sie sehen sich selbst in der Findungsphase, denken auch über ‚Bio‘ nach und rechnen mit zwei bis drei Jahren für den geplanten Umbau. Aktuell sind sie auf der Warteliste, denn auch die regionalen Mäster, wo ihre Ferkel dann aufgezogen werden, müssen zuvor bauen. Baustoffe und Baufirmen sind wie überall knapp. Begleitet wird der Umbau für mehr Tierwohl von drei Partnern: Dem Lebensmittelhandel als Vermarkter, dem Tierschutzbund und der Erzeugerorganisation. „Erst als von allen drei deutliches ‚JA’ kam, wussten wir, dass es geht“, sagen die Landwirte.    

Umbau von Haltungsstufe zwei auf vier. Was heißt der Umbau auf Haltungsstufe vier bei den Landwirten Wilhelm konkret für ihre Schweineställe? Der jetzige Platz pro Sau im Stall wird von 2,5 Quadratmetern auf vier Quadratmeter erhöht werden. Davon wird ein Teil der Auslauf, also der Bewegungsraum, sein und ein Teil die mit Stroh eingestreute Liegefläche, also die Liege- oder Schlafkojen. So werden die Ställe in verschiedene Bereiche gegliedert. Im Abferkelstall, wo die Sau ab einer Woche vor dem errechneten Geburtstermin lebt, wo die Jungtiere zur Welt kommen und für drei bis vier Wochen allein mit ihrer Muttersau leben, werden die Buchten zukünftig mehr als acht Quadratmeter Platz bieten. Von den heutigen rund vier Quadratmetern ausgesehen, stellt das mehr als eine Verdoppelung der Fläche dar. Die Landwirte Wilhelm haben vor kurzem eine erste Test-Bucht gebaut. „Denn Schweine sind reinliche Tiere. Die Ferkel lernen schnell das Fressen und das Trinken von ihrer Mutter. Wie geht das mit der Bodenfütterung oder der Mutter-Kind-Tränke? Sie gehen in der nun mehr als doppelt so großen Bucht auf die Toilette, wo auch die Mutter das tut“, sagt Markus Wilhelm. Seine Frau ergänzt: „Wir sind sehr gespannt, wie die erfahrenen Zuchtsauen, die nur ihre bisherige Bucht mit Ferkelschutzkorb kennen, das annehmen können. Und im Vergleich dazu die ganz jungen Sauen“. Beim Beobachten fällt ihnen jetzt schon auf, dass die Tiere viel lebhafter sind und ständig im Stroh suchen, dagegen weniger das reguläre Futter aufnehmen. Das muss genau beobachtet werden. Aber genau das liebt Markus Wilhelm an seiner Arbeit mit den Tieren – als Lebewesen mit eigener Meinung, wie er sagt.  

Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Reiz. Wie alle Landwirte freuen sich die Wilhelms schon auf den Frühling, wenn es wieder nach frischer Erde riecht. „Oder der Geruch beim Dreschen im Sommer. Aber eigentlich hat jede Jahreszeit einen schönen Duft“, ergänzt Meike Wilhelm. Sie fühlen sich wohl auf ihrem schönen Flecken Erdeund schätzen besonders, dass man als Landwirt mit der Familie leben kann. Nur so konnten und können sie täglich viel arbeiten und sich zeitgleich um ihre sechs Kindern kümmern. Alle helfen einander, auch der jüngste Sohn Paul steht nach der Schule im Stall schon ‚seinen Mann‘. Vater Markus Wilhelm ist Ausbilder und als Nebenberufslehrer an der landwirtschaftlichen ‚Richard-von-Weizsäcker-Berufsschule‘ in Öhringen. Er liebt an der Lehrtätigkeit besonders, dass er mit jungen Leuten zu tun hat und versuchen kann, diese für den Beruf zu begeistern. Mit Blick auf den neuen Bundesminister für Landwirtschaft Cem Özdemir sagt er: „Wenn er das schafft, was er sich vorgenommen hat, dann hat er echt was bewegt. Er steht für mehr Wertschätzung für uns Landwirte, für die Kennzeichnung der Herkunft und für mehr Geld für die Landwirte – das ist viel. Dann ist das ganze ‚Drumherum‘, was auch schwierig genug ist, nicht mehr so wichtig.“

Quelle: Bauernverband Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems e.V.

Bildquelle: Bauernverband Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems e.V.


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