Weltmilchtag: der Blick nach vorn

    Was wollen wir als Bürger und Erzeuger für die EU und wie erreichen wir es?
    Die EU ist mehr als nur ein Zusammenschluss aus 27 Staaten. Sie ist eine Union mit vielen Stärken, mit Menschen, die über unzählige Fähigkeiten und großes Wissen verfügen und mit enormem Potential. Die EU ist ein Werk, auf das seine Bürger und auch Politiker in vielen Bereichen stolz sein können.  

    Heute am Weltmilchtag möchten wir Bäuerinnen und Bauern nach vorn blicken, um zu schauen, wie all das Wissen, die Stärken und das Potenzial genutzt werden können, um den schwierigen Herausforderungen, mit denen wir ebenso konfrontiert sind, erfolgreich begegnen zu können. Wir wollen zeigen, was wir in der EU brauchen, um in Zukunft eine starke, zuverlässige, faire und nachhaltige Landwirtschaft zu haben.
     
    1. Die Bürgerinnen und Bürger brauchen eine ausreichende Produktion von Lebensmitteln – eine EU-Produktion, die weitestgehend unabhängig von internationalen Krisen ist
     
    Um leere Regale zu vermeiden und die Versorgung zuverlässig sicherzustellen, braucht es eine stabile Struktur innerhalb der EU, mit der ausreichend Nahrungsmittel produziert werden können. Für die Herstellung von Lebensmitteln benötigen wir Menschen, die sie produzieren. Aktuell verschwinden immer mehr Menschen aus der Landwirtschaft, was die Produktionsstruktur destabilisiert und die EU-Ernährungssicherheit stark gefährdet. Es stellt sich die dringende Frage: Wie kann man den Schwund stoppen und wie kann man es sogar schaffen, auch junge Leute wieder in die Landwirtschaft und in die Produktion von Lebensmitteln zu holen? Folgende Punkte müssten dafür realisiert werden:

    Die aktuell enorm gestiegenen Kosten für die Erzeugung müssen durch Verarbeiter und Handel abgedeckt werden

    Die Agrarproduzenten kämpfen momentan mit einer Explosion ihrer Kosten. Nicht nur bei der Produktion von Milch sind die Preise besonders bei der Energie, den Futtermitteln und auch für notwendigen Dünger soweit nach oben geschossen, dass die Produktion der Lebensmittel stark verteuert wird. Kann der einzelne Erzeuger diese Kostenexplosion tragen? Nein, das ist unmöglich. Die Kosten müssen weitergereicht werden, in dem die Preise die von den Verarbeitern und dem Handel an die ErzeugerInnen gezahlt werden, die gestiegenen Kosten eins zu eins widerspiegeln. Die EU-Kommission müsste hier stetig aktualisierte Kostenzahlen zur Verfügung stellen, um eine gute Markttransparenz zu gewährleisten.

    Umwandlung der chronischen Kostenunterdeckung in eine chronische Kostendeckung

    Auch ohne Ukrainekrieg oder Corona-Pandemie ist der Milchsektor durch eines gekennzeichnet: eine chronische Unterdeckung der Kosten. Dadurch ist das Einkommen der LandwirtInnen auf ein extrem tiefes Niveau gerutscht, so dass sie für die investierte Arbeitszeit sehr schlecht entlohnt werden. Wie eine in Kürze erscheinende Kostenanalyse zeigt, blieb für die LandwirtInnen im Jahr 2021 in Deutschland beispielsweise pro Stunde nur ein Einkommen von 6,10 Euro übrig. In Frankreich waren es nur ganze 3,09 Euro und in Dänemark und den Niederlanden stand den Bäuerinnen und Bauern für die investierten Arbeitsstunden kein Einkommen mehr zur Verfügung. Im Durchschnitt erhielten die Landwirte in der EU nur 4,19 € in der Stunde.

    Eine zukunftsfähige Landwirtschaft heißt auch ein zukunftsfähiges und angemessenes Einkommen für die ErzeugerInnen. In ihren Faire Milch Projekten zeigen ErzeugerInnen in den verschiedenen Ländern ganz klar, dass faire Erzeugerpreise realistisch und möglich sind. Mit hohem Engagement und Know-How gelingt es ihnen, Vorbild für einen ganzen Sektor zu sein. Doch diesem Vorbild sollte der Sektor nun auch folgen, so dass angemessene Einkommen die Regel und nicht nur die Ausnahme sind. Dazu müssen die Erzeugerpreise allgemein steigen. Dann ist es auch für junge Leute wieder eine Option, in die Landwirtschaft einzusteigen und die EU ist gewappnet, ausreichend Lebensmittel in den eigenen Ländern und Regionen zu erzeugen. 
     
    Dass in Zukunft die Erzeugerpreise mit den Kosten korrespondieren, kann über faire Verträge zwischen ErzeugerInnen und Verarbeitern sichergestellt werden. Hier kann beispielsweise eine sogenannte Preisanpassungsklausel dafür sorgen, dass Kosten und Preise nachhaltig aneinander gekoppelt sind. Weitere Klauseln, die in solchen Verträgen erscheinen könnten und die sicherstellen, dass die Interessen und Belange der ErzeugerInnen auch tatsächlich beachtet werden, sehen sie im Vertragsleitfaden, der für den deutschen Milchsektor gemeinsam von der MEG Milch Board und dem EMB erstellt wurde.

    Faire Verträge entstehen aber nicht von allein. Grundlegend wichtig ist dafür, dass ein Großteil der Produzenten in Zukunft von Erzeugerorganisationen in den Verhandlungen mit den Verarbeitern vertreten werden. Momentan ist dies noch nicht ausreichend der Fall. Dazu müsste zum einen die Mitgliedschaft von ErzeugerInnen in solchen Organisationen politisch sehr stark gefördert werden. Zum anderen müssen die Möglichkeiten, sich tatsächlich auch von Erzeugerorganisationen vertreten zu lassen, noch entscheidend ausgebaut werden. So sollten Genossenschaftsmitglieder, die bisher bei Verhandlungen nicht gebündelt von Erzeugerorganisationen vertreten werden können, in Zukunft reguläre Mitglieder dieser Organisationen werden dürfen.
    Wenn tatsächlich faire Verträge die Norm werden, könnte das zukünftige Einkommen auf einem Niveau ankommen, bei dem die Landwirte und ihre Familien ihren Lebensunterhalt angemessen bestreiten können und auch junge ErzeugerInnen wieder den Weg zurück in die Landwirtschaft finden.
     
    2. Die Bürgerinnen und Bürger der EU brauchen gesunde und sichere Lebensmittel
     
    Gesunde und sichere Lebensmittel für uns und unsere Kinder müssen auch in Zukunft Priorität haben. Das bedeutet, dass die Standards, die innerhalb der EU gelten, auch bei importierten Lebensmitteln angewandt werden müssen. Das kann und sollte über sogenannte Spiegelklauseln erfolgen. Diese können sicherstellten, dass Importe, die z. B mit Substanzen behandelt wurden, die in der EU nicht zugelassen sind oder bei deren Produktion Tierwohlstandards nicht eingehalten werden, nicht eingeführt werden dürfen. Zusätzlich muss es sehr zuverlässige Kontrollen sowie Sanktionen geben, um zu garantieren, dass diese Verbote auch eingehalten werden. So kann die EU in Zukunft sicherstellen, dass die Lebensmittel, die von außerhalb kommen, nicht gesundheitsschädlich sind. 
     
    3. Innerhalb der EU sollten Krisen merklich reduziert werden
     
    Man kann nicht alle Krisen zu 100 Prozent vorhersehen und vermeiden. Aber man kann einen viel höheren Anteil als bisher umgehen, wenn man die richtigen Kriseninstrumente einsetzt. Die aktuelle Krise ist anders als alle vorherigen sehr starken Verwerfungen und sie reißt viele Produzenten aus der Produktion heraus. Daher müssen JETZT die Erzeugerpreise an die Produktionskosten angepasst werden – kein Verkauf der Milch unterhalb ihrer Erzeugungskosten und der Einsatz von Preisanpassungsklauseln in Verträgen, um später weitere notwendige Anpassungen zu ermöglichen!
    In der Vergangenheit waren zudem oft Überproduktionsphasen Grund für starke Preisverfälle. Für diese Situationen kann man mit Kriseninstrumenten wie dem Marktverantwortungsprogramm, bei dem im Falle von hoher Überproduktion Anreize gesetzt werden, die Produktion kurzzeitig zu reduzieren, große Preisstürze vermeiden.
     
    Durch das Vermeiden und richtige Überwinden von Krisen können die ErzeugerInnen allgemein im Geschäft bleiben, wodurch garantiert ist, dass wir ausreichend ErzeugerInnen in der EU haben, um für unsere BürgerInnen Lebensmittel in den benötigten Mengen zu produzieren.
     
    Die Bäuerinnen und Bauern des European Milk Board rufen die EU-Politik, die Verarbeiter und den Handel dazu auf, gemeinsam mit ihnen auf Grundlage der erläuterten Punkte und Zusammenhänge an einer sozial, ökonomisch und ökologisch nachhaltigen Zukunft der Landwirtschaft zu arbeiten. 

    Quelle: EMB

    Bildquelle: ML-Archiv

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