Ein breites Bündnis aus Bio-Unternehmen, Verbänden und Initiativen forderte im August in einem offenen Brief an die Wahlkandidatinnen und Wahlkandidaten der Bundestagswahl die Einführung einer Pestizid-Abgabe.

Oekolandbau.de erklärt, wie diese helfen kann, den Pestizideinsatz zu verringern und was dabei im Einzelnen zu beachten ist.

Schäden durch die Abdrift konventioneller Pflanzenschutzmittel von Nachbarflächen haben für ökologisch wirtschaftende Betriebe ernste Konsequenzen. Denn Kulturen von betroffenen Flächen müssen getrennt geerntet und gelagert werden. Für die betreffenden Flächen wird im laufenden Förderjahr keine Öko-Prämie ausbezahlt und im schlimmsten Fall kann sogar der Öko-Status aberkannt werden.

Pestizideinsatz seit Jahren unvermindert hoch

Das Ziel, den Pestizideinsatz zu reduzieren, besteht sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene schon lange. Die EU-Mitgliedsstaaten haben sich verpflichtet, spätestens ab 2014 nur noch einen integrierten Pflanzenschutz zuzulassen, der nicht-chemischen Maßnahmen den Vorrang gibt. Und der nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sieht unter anderem vor, die Belastung von blütenbestäubenden Insekten sowie das Risikopotenzial für Nicht-Zielorganismen bis 2023 deutlich zu mindern.

Passiert ist bisher aber zu wenig, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Wie aus dem letzten Bericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervorgeht, sank zwar zwischen 2018 und 2019 der Pflanzenschutzmittel-Absatz in Deutschland um 6,7 Prozent. Nach Meinung des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) habe diese Entwicklung aber nichts mit einem veränderten Umweltbewusstsein oder einem präziseren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Landwirtschaft und Gartenbau zu tun. Vielmehr sei vor allem die trockene Witterung der Jahre 2018 und 2019 für die sinkenden Zahlen verantwortlich. Bezogen auf die Fläche, so der BÖLW, kämen defacto immer mehr Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. Denn die landwirtschaftlich genutzte Fläche in Deutschland hat abgenommen – und zwar um mehr als eine halbe Million Hektar seit 1995 (Stand 2020). Außerdem habe die ökologisch bewirtschaftete Fläche, auf der chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nicht eingesetzt werden dürfen, zugenommen.

EU fordert: 50 Prozent weniger Pestizide bis 2030

Dass die Lage ernst ist, zeigt die 2020 vorgestellte Farm to Fork-Strategie der EU: Darin fordert die Kommission nicht weniger als eine europaweite Halbierung des Einsatzes gefährlicher oder schädlicher Pestizide innerhalb der nächsten zehn Jahre. Erreichen will sie das durch verschiedene, überwiegend ordnungsrechtliche Maßnahmen.

Umwelt- und Öko-Verbände begrüßen die Entscheidung der EU grundsätzlich, bezweifeln jedoch, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen ausreichen werden, um die geforderten Ziele zu erreichen. In einem am 24. August 2021 veröffentlichten offenen Brief an die Kandidaten und Kandidatinnen der Bundestagswahl 2021 stellte daher ein Bündnis aus Umwelt-, Öko- und Trinkwasser-Verbänden, Bio-Unternehmen, Bürgerinitiativen und Wissenschaft konkrete Maßnahmen vor, wie man aus ihrer Sicht den Einsatz von Pestiziden wirksamer reduzieren könne. Neben einem umfassenden Pestizid-Monitoring und einer Verbesserung des Pestizid-Zulassungsverfahrens fordert das Bündnis vor allem eine Pestizidabgabe als zentrales Instrument zur Reduzierung des Pestizideinsatzes.

Warum Pestizidabgabe?

Die Idee einer Pestizidabgabe ist, dass die sogenannten externalisierten Folgekosten des Pestizideinsatzes eingepreist werden. Externalisierte Folgekosten sind die Kosten, die anfallen, wenn Schäden durch Pestizide (an Umwelt und Gesundheit) beseitigt werden müssen. Solche Folgekosten werden bislang allein von der Gesellschaft getragen und nicht von den Anwenderinnen und Anwendern der Pestizide. Es wäre also nur folgerichtig, wenn sich diese Kosten zukünftig im Kaufpreis von Pestiziden wiederfinden würden. Der Preisanstieg würde dazu führen, dass die Landwirtinnen und Landwirte damit deutlich sparsamer umgehen und bestenfalls auf nicht-chemische Pflanzenschutzmaßnahmen zurückgreifen.

40 Prozent weniger Pestizide in Dänemark

Dass durch eine Pestizidabgabe der Mitteleinsatz wirksam reduziert werden kann, zeigt das Beispiel Dänemark. Dort konnte durch die Einführung einer risikobasierten Mengenabgabe auf Pflanzenschutzmittel 2013 die Menge der abgesetzten Pestizidwirkstoffe um knapp 40 Prozent gesenkt werden.

Aber was bedeutet „risikobasierte Mengenabgabe“? Zum einen, dass sich die Abgabenhöhe nach der Menge der vom Landwirt oder von der Landwirtin erworbenen und verwendeten Pestizide richtet. Darüber hinaus wird in dem dänischen Abgabemodell aber auch die Anzahl der enthaltenen Wirkstoffe und das spezifische Risiko, das von diesen Wirkstoffen ausgeht, mitberücksichtigt. Das heißt also, Pestizide mit hohen umwelt- und gesundheitsschädlichen Risiken werden mit einer höheren Abgabe belastet als solche mit geringerem Risiko.

UFZ zeigt: Es geht noch besser

Im Frühjahr 2021 veröffentliche das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) eine Studie. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des UFZ hatten dafür per Simulationsanalyse die Auswirkungen verschiedener Pestizidabgabe-Modelle auf die Gesamtmenge an ausgebrachten Pestiziden pro Hektar und Jahr untersucht. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass durch die Anwendung eines vom UFZ entwickelten Abgabe-Modells der Einsatz von Pestiziden sogar um bis zu 50 Prozent gesenkt werden kann. Wie im dänischen Modell, fließt auch im UFZ-Modell die Menge und das Risikopotenzial der Wirkstoffe in die Berechnung der Abgabe mit ein. Darüber hinaus wird im UFZ-Modell aber noch die maximal zulässige Aufwandmenge je Hektar berücksichtigt. Das hat folgenden Hintergrund: Es gibt Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe, die bereits mit wenigen Gramm pro Hektar und Jahr eine ähnliche Wirkung zeigen wie Wirkstoffe, die mit mehreren Kilogramm aufs Feld kommen. Geht man bei der Besteuerung allein von der insgesamt anzuwendenden Pestizidmenge aus, würde das dazu führen, dass die niedrigdosierten Mittel (also mit wenigen Gramm Wirkstoff), wesentlich günstiger bei der Abgabe wegkämen. Wie das Beispiel Dänemark zeigt, führt das dann in der Folge dazu, dass die Anwender und Anwenderinnen von hochdosierten Mitteln (große Wirkstoffmenge) zu solchen mit niedriger Dosierung, aber gleicher Wirkung wechseln.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zum dänischen Modell ist, dass die Abgabe auf Herbizide und Insektizide im UFZ-Modell höher ausfällt als die auf Fungizide. Der Grund: Von Herbiziden und Insektiziden gehen nach Meinung des UFZ direkt und mittelbar vielfältige negative Effekte für die biologische Vielfalt aus. Außerdem bestünden für diese Anwendungsbereiche viele nicht-chemische Alternativen, auf die Landwirtinnen und Landwirte im Rahmen des integrierten Pflanzenschutz bevorzugt zurückgreifen könnten.

Geld aus der Abgabe in Beratung und Weiterbildung stecken

Die Autoren der Studie geben an, dass sich die Lenkungswirkung der Pestizid-Abgabe noch verstärken ließe, wenn die Einnahmen aus der Abgabe – die Rede ist von bis zu 1,2 Milliarden Euro jährlich – für staatliche Beratungen und Weiterbildungen zum nachhaltigen Pflanzenschutz genutzt würden. Das Geld könnte auch in die Förderung der ökologischen Landwirtschaft gesteckt werden oder für die Entschädigung von Bio-Landwirtinnen und -Landwirten, deren Felder und Ernten von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln aus Abdrift verunreinigt wurden.

Quelle: https://www.oekolandbau.de / Copyright Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung Bonn

Bildquelle: ML-Archiv


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