Fair Play für die heimischen Zuckerrüben – Notfallzulassung für Neonicotinoide im Dezember 2020 – doch wie geht es weiter?

    „Mir ist es wichtig zu zeigen, warum der regionale Rübenanbau schützenswert ist“, eröffnet Geschäftsführerin Dr. Larissa Kamp das Gespräch im Garten der Geschäftsstelle des Verbandes der Zuckerrübenanbauer e.V. in Baden-Württemberg in Heilbronn. Im gleichen Haus ist auch der Kreisbauernverband Heilbronn ansässig – kurze Wege also zwischen den beiden ‚Kämpfern‘ für die heimische Landwirtschaft. Und ein Kampf war es tatsächlich im letzten Herbst, als es darum ging, die sogenannten Neonics, der von der EU seit 2018 verbotene Wirkstoff gegen virale Krankheiten an Zuckerrüben, für besonders betroffene Gebiete wieder zuzulassen. Das ist dann auch kurz vor dem Weihnachtsfest gelungen. Aber nur für das laufenden Jahr 2021. Und wie geht es weiter?

    Die Beize ist eine umweltfreundliche Methode im Pflanzenschutz.

    Reichlich Proteste der Bauern haben die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass diese, direkt an der Pflanze wirkenden, Stoffe – genannt Beize – eine umweltschonende Methode darstellen. Die hier 90% weniger benötigten Einsatzstoffe, stellen eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Behandlung dar, weil die Pflanze mit der Aussaat ganz gezielt geschützt wird. Dabei handelt es sich um eine punktgenaue Wirkung exakt an der Zuckerrübe, ohne auf die Umgebung einzuwirken. Wie eine Grippeimpfung hält sie eine Zeitlang die Jungpflanze stabil und gesund, bis sie sich selbst besser helfen kann. Die Alternative zur Beize ist eine flächendeckende Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln, was hier weniger zielgenau und effektiv ist. „Die Zusammenarbeit läuft gut, zum Beispiel auch die mit den Imkerverbänden“, findet die junge Managerin. Das ist wichtig, denn die Aufgaben sind groß. Die Auswirkungen der Klimaerwärmung werden jährlich deutlicher: Trockenheit, Starkregen und zu hohe Temperaturen – auch für die Zuckerrüben – geben virösen Krankheiten, wie den Nekrotischen Rübenvergilbungsvirus (BYV), der Syndrome Basses Richesses (SBR) oder gar Mischinfektionen immer größere Chancen, sich ‚prächtig‘ auszubreiten. Ertragsausfälle und Qualitätseinbußen, eine verminderte Größe und ein geringerer Zuckergehalt der Rüben sind die Folgen. Viele erfahrene Zuckerrübenanbauer haben so etwas noch nicht gesehen. Sie trauten im letzten Spätjahr ihren Augen kaum, wie sie sagen. Damals ganz neu im Amt, ging es für die Geschäftsführerin Kamp gut ‚zur Sache‘. „Wir wollen, dass der heimische Anbau von Zuckerrüben erhalten bleibt, denn er hat große Bedeutung für die Landwirte sowie für den Standort hier in Offenau. Er fördert zudem die Biodiversität und ist fester Bestandteil unserer Kulturlandschaft. Wir brauchen die Rübe für die Artenvielfalt und die Fruchtfolgen hier im Land“, so Kamp. Genau dafür steht sie.

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    Geschäftsführerin des Verbandes der Zuckerrübenanbauer e.V. in Baden- Württemberg Dr. Larissa Kamp im Garten der Geschäftsstelle des Verbandes in Heilbronn, Gartenstraße 54.

    Die alljährliche Kampagne der regionalen Zuckerrüben.

    Der Anbau, die Ernte und die Verarbeitung von Zuckerrüben sind sehr gut organisiert. Der heimische Zuckerrübenanbau sichert, als gut geeignete Frucht, den Wechsel für mehr Biodiversität auf den Feldern der Region und wird quasi immer vor der Haustür produziert. Denn die Ernte und der Transport bis zur Zuckerfabrik findet zu 80 % im Umkreis von 100 km statt. Verglichen mit Transporten von beispielsweise Rohrzucker aus Übersee, ist das keine Strecke. Die Zuckerrübe gibt, insbesondere in der Erntezeit, tausenden Landwirten, Fahrern und Helfern Arbeit und Einkommen. Dafür gibt es in Deutschland drei große Player für die Verarbeitung von Zuckerrüben. „Wir hier in Heilbronn vertreten die Interessen der Mitglieder aus Baden-Württemberg. Gegenüber der Politik, der Firma Südzucker in Offenau am Neckar und gegenüber der Öffentlichkeit“, erklärt die Verbandsvertreterin im Südwesten Deutschlands. Weiter sagt sie: „Alle landwirtschaftlichen Mitgliedsbetriebe brauchen jährlich neue Verträge und Lieferrechte mit der Südzucker AG. Die Zusammenarbeit wird aktiv gesucht und wir arbeiten gemeinschaftlich. Diese überbetriebliche Organisation ‚bei der Rübe‘ hat mich sehr beeindruckt. Alles ist fast familiär und es geht immer irgendwie“, erinnert sich Dr. Kamp. Im Mai nun stehen die neuen Verträge für das Folgejahr, die Kontrahierungen, an. Diese werden zeitlich und mengenmäßig exakt ausgehandelt und in der sogenannten Kampagne, dem Anbau- und Ernteplan für Zuckerrüben, festgezurrt.

    Wir kämpfen an allen Fronten.

    Mit der Aktion #WirSindZucker zeigen die im ‚Netzwerk Zucker‘ Verantwortlichen, dass sie für das Überleben des Produktionsstandortes der heimischen Zuckerrüben kämpfen werden, auch für die dauerhafte Zulassung der sinnvollen Wirkstoffe, wie den Neonicotinoiden. „Es ist uns wichtig, den Verbraucher mitzunehmen und zu zeigen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass immer alles da ist im Supermarktregal. Wir möchten informieren, warum wir die Rübe brauchen und warum sie schützenswert ist. Die Alternative dazu kommt aus fernen Ländern, wo wir nicht immer wissen, wie sie produziert wurde. Schließlich gibt es in Deutschland die strengsten Vorschriften und deren konsequenteste Kontrolle, wie nirgendwo sonst auf der Welt“, weiß die Geschäftsführerin Dr. Larissa Kamp. Zudem ist die Co2-Bilanz von Rohrzucker deutlich schlechter als die vom heimischen Rübenzucker, der damit deutlich nachhaltiger produziert wird. Sie freut sich immer, wenn sie im persönlichen Kontakt mit den Landwirten arbeiten kann. „Sie sind direkt, offen und ehrlich. Sie sind von Beruf aus die, die mit der Natur und nicht gegen sie arbeiten. Klar ist: Zucker ist kein Vitamin, aber ein natürliches Kohlehydrat. Und: Wer könnte ganz darauf verzichten?“, schließt sie schmunzeln ihr Plädoyer für die heimischen Zuckerrüben.

    Quelle: Bauernverband Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems e.V.

    Bildquelle: Bauernverband Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems e.V.