Offener Brief an den NABU

    Gastartikel von Gereon Janzing:

    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Bei der Umbenennung Ihres Bundes von DBV (Deutscher Bund für Vogelschutz) in NABU (Naturschutzbund) wurde gesagt, die vier Buchstaben stehen für die vier Säulen Naturschutz, Artenschutz, Biotopschutz und Umweltschutz. Und so frage ich mich als langjähriger Aktiver im Naturschutz, als Akademiker mit ökologischer Ausrichtung und als Praktiker der ökologischen Landwirtschaft, welche Biotope Sie denn konkret schützen und ob Sie für den Biotopschutz nicht eher kontraproduktiv sind.

    Sicher ist Ihnen bekannt, dass oligotrophe Weiden wertvolle Ökosysteme großer Biodiversität darstellen. In einer Umwelt, in der die meisten Böden durch Immissionen hypertrophiert werden, bieten oligotrophe Böden Rückszugsbiotope für weniger konkurrenzstarke Pflanzen und wirken in der Folge auch dem Insektensterben entgegen. Deshalb wissen alle ökologisch interessierten Menschen extensive Weidewirtschaft zu schätzen und unterstützen beispielsweise die Wanderschafhaltung. Vor Jahren hörte ich gar bei einer gemeinsamen Veranstaltung von NABU und BUND einen Vortrag über den ökologischen Wert der Wanderschafhaltung.

    Ist Ihnen bewusst, wer heute das Feindbild Nummer eins der Schafhalter in Deutschland ist? Das ist gemäß meiner Beobachtung Ihr NABU! Das sind Sie! Vielleicht ist Ihnen auch der Grund dafür bekannt.

    Während immer mehr Schafhalter beachtliche Teile ihrer Herden durch Wölfe (Canis lupus; Canidae) verlieren und manche in der Folge frustriert ihren Beruf aufgeben, propagieren Sie auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Geldspenden weiterhin eine Ausweitung der Wolfspopulation, eine Überbevölkerung einer medienwirksamen Art auf Kosten anderer Arten.

    Merken Sie denn nicht, wie rücksichtlos das gegenüber den Menschen und der Natur ist? Die Weidehaltung wird ohnehin durch die Konkurrenz der Massentierhaltung und der von weither importierten Billigprodukte immer weniger rentabel. Wenn Sie mit Ihrer Wolfspolitik die Weidehaltung vollends zugrunderichten, wird es in der Folge mehr reine Stallhaltung geben. Will denn der NABU der Massentierhaltung zuspielen? Ist Ihnen bewusst, dass ein Krieg gegen die Weidehaltung immer auch unweigerlich ein Krieg gegen die biologische Landwirtschaft ist? Ziehen Sie hier etwa am selbem Strang wie Massentierhalter und Veganer? Und ist Ihnen klar, dass die Vielfalt an Schafrassen auch Biodiversität ist, die durch die Überbevölkerung an Wölfen existenziell bedroht wird? Massentierhalter und Veganer machen ja keinen Hehl daraus, dass sie gegen die Agrobiodiversität und das Landleben mit friedlich weidenden Tieren ankämpfen. Wollen Sie denn, dass man Sie mit diesen Leuten in einen Topf wirft?

    Sehen Sie sich als Vertretung gelangweilter Städter, die es in ihren Luxuswohnungen für romantisch halten, wenn die Wölfe die Dörfer beherrschen und verunsichern? Von diesen Traumtänzern kommen häufig Sprüche wie derjenige, die Schafhalter sollten ihre Schafe einfach besser gegen Wölfe schützen. Wenn man zu Hause fernab aller Wölfe im bequemen Sessel sitzt, kann man leicht so arrogant reden. Das sollten diese Besserwisser mal bitte in die Praxis umsetzen. Reden ist Schweigen, Handeln ist Gold.

    Es gibt Beispiele von Wolfsangriffen, die auch durch einen 2 m hohen Zaun nicht verhindert werden konnten. Feste Zäune stellen mancherorts ein Hindernis für den Wildwechsel dar. In vielen Fällen müssen die Zäune mobil sein und können daher aus praktischen Gründen nicht so hoch sein. Außerdem wird, wie Sie selber schreiben, von Tierhaltern verlangt, dass sie den Zaun täglich kontrollieren. Glauben Sie denn im Ernst, die Tierhalter hätten nicht auch so schon genug zu tun? Und selbst hinter einem Zaun können Schafe beim Auftreten von Wölfen in Todesängste geraten, die bei trächtigen Weibchen ein Verlammen bewirken können. Dafür sind keine Entschädigungen vorgesehen.

    Auch Herdenschutzhunde (und nach umstrittenen Aussagen auch Herdenschutzlamas) mögen manchmal wirksam sein, bieten aber keinen sicheren Schutz und sind zudem kostspielig. Sowohl die Ausbildung von Herdenschutzhunden als auch deren Fütterung bedeuten eine zusätzliche finanzielle Belastung für die Schafhalter und sind zumeist nur für Großbetriebe realisierbar. Im Namen von Natur und Umwelt können Sie doch nicht für den Untergang aller Kleinbetriebe sein? Und Sie können doch wohl blutige Kämpfe zwischen Herdenschutzhunden und Wölfen, möglicherweise mit Toten auf beiden Seiten, nicht erstrebenswert finden?

    Sie behaupten gar anmaßend, „der Naturschutz“ sei begeistert von der Rückkehr der Wölfe! Auch von den großen Populationen? Wer ist für Sie „der Naturschutz“? Die Städter, die sich in ihren Luxussesseln vorm Computer als Naturschützer vorkommen und die den Reichtum der Natur nur an einer einzigen für repräsentativ gehaltenen Tierart festmachen? Sicher nicht die in und mit der Natur lebenden Schäfer! Sicher nicht die Landschaftspfleger, die reiche Ökosysteme schaffen und viele Arten kennen! Auch nicht wir praktischen Naturschützer, die wir seit Jahren mit einer reichen Auswahl anderer Tier- und Pflanzenarten zu tun haben. Ist es für Sie ein Argument, dass Erstgenannte in der Regel mehr Geld haben?

    Es wäre schön, wenn Sie, meine Damen und Herren, etwas Bezug zur Natur entwickeln könnten und dadurch feststellten, dass Deutschland nun mal nicht mehr von Urwäldern beherrscht ist, wo die von Ihnen erwünschten Wolfsmassen einen Lebensraum finden. Deutschland ist recht dicht von Menschen besiedelt und hat viel Kulturlandschaft. Da ist der für Wölfe zur Verfügung stehende Platz sehr limitiert. Nun hat Deutschland Schätzungen zufolge etwa viermal so viele Wölfe wie Schweden, das seinerseits bedeutend mehr Urwald und somit bedeutend mehr Platz für Wölfe hat. Da stimmen doch die Relationen nicht?

    Wenn die Wolfskuschler den Wölfen mehr Existenzrecht zugestehen als den Menschen und ihren Nutztieren, dann vermisst man als Praktiker jegliches lösungsorientierte Denken. Solange diese nicht bei sich selber anfangen, die Menge der Menschen zu reduzieren, um damit Platz für Wölfe zu schaffen.

    Bei der Verklärung des Wolfes geht es nie und nirgends um irgendein Interesse am Wohl real existenter Tiere, auch nicht um Naturschutz, denn sonst müssten sich die Leute auch um das Wohl der Schafe und der auf Weiden lebenden Kleintiere sorgen, auch wenn etwa die vielen Arten von Wildbienen (Apiformes), Heuschrecken (Orthoptera) und Springschwänzen (Collembola) weniger symbolträchtig und medienwirksam und deshalb dem NABU offenbar gleichgültig sind. Außerdem müsste man sich doch dafür einsetzen, dass Wölfe nur dort leben, wo sie genügend Platz haben, um sich wohl zu fühlen. Es geht bei der Verklärung des Wolfes in erster Linie um Misanthropie; der Wolf ist da ein Symbol für zwischenmenschliche Probleme.

    NABU-Zitat: „Vertreter von Jagdlobby und Landwirtschaft, Hobbytierhalter und immer mehr Politiker fordern den Schutzstatus des Wolfs zu verringern. Der NABU lehnt dies entschieden ab.“ Das klingt für mich doch sehr nach: „Ich will, was mir gefällt, schöne Grüße an den Rest der Welt!“

    Früher, als die Menschen noch Wölfe in ihrer Nähe hatten, gab es in den Märchen immer den bösen Wolf. In modernen Märchen wird der Wolf bisweilen sehr verklärt dargestellt. So kann ein unbedarfter Städter nach der Kitschverfilmung des „Schellenursli“ leicht glauben, ein Stück Käse würde reichen, um aus einem unberechenbaren Wolf einen Freund zu machen. Kann man den Wolf nicht einfach mal von kindlich vermenschlichenden moralischen Wertungen befreien und realistisch innerhalb der bestehenden Ökosysteme betrachten? Die Frage, ob der Wolf böse oder gut ist, hat nur bei der in Märchen üblichen Vermenschlichung ihre Relevanz. Die Wertbegriffe „böse“ und „gut“ sind semantisch korrekt nur im menschlichen Umfeld anwendbar, also nicht auf wild lebende Tiere. Welche praktischen Konsequenzen der Wolf hat, ist in der Realität sowohl für Tierhalter als auch für Ökologen die relevante Frage.

    Schafskäse bald nur noch aus Stallhaltung, frei von Vitamin D?

    Sie haben mitbekommen, dass es nicht nur Schafe sind, die gerissen werden. Auch Pferde, Esel, Hunde, Ziegen, Alpakas und Rinder wurden schon Opfer von Wolfsrissen. Dass Kinder an ihren Ponys hängen und nach deren Riss untröstlich sind, interessiert den NABU gar nicht. Meine Erfahrung ist, dass man den NABU ohnehin mit toten Pferden assoziiert. Soll das denn so bleiben?

    Angesichts der Tatsache, dass viele Wölfe ihre Scheu vor den Menschen verloren haben, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der erste Wolf einen Menschen als Beutetier erkennt. Was tut ein Kind, wenn ihm ein Wolf begegnet? Vielleicht rennt es weg. Bei Tieren wie Wildschweinen, die zur Verteidigung angreifen, mag das die richtige Reaktion sein. Nicht so bei Beutegreifern: Für einen Wolf kann das ein Signal sein, dass er es als Beutetier ansieht. Und dann wird es einen überraschten Aufschrei geben: Ein Wolf hat einen Menschen getötet! Das wollte man doch nicht! Doch, das wollten die Misanthropen! Wie werden Sie dann beim NABU reagieren? Für die gerissenen Schafe und die totgeborenen Lämmer haben Sie bislang nie die Verantwortung übernommen.

    Über einzelne auftretende Wölfe mag man sich freuen. Aber die inzwischen in Mitteleuropa, insbesondere Norddeutschland, bestehende Population ist nicht mehr tragbar. Sie aber, meine Damen und Herren, wollen immer noch einen radikalen Schutz und offenbar ein Anwachsen der Population, obwohl die Tragekapazität längst ausgereizt ist. Bei einer Überpopulation noch Wachstum zu propagieren, ist auf demselben intellektuellen Niveau wie das politische Mantra vom Wirtschaftswachstum. Als langjähriger Naturschützer muss ich da ganz klar sagen, dass Sie vieles, was wir mühsam aufgebaut haben, nun mit diesem Irrsinn wieder kaputtmachen. Hinterfragen Sie doch mal bitte aus ökologischer Sicht dieses Verhalten!

    Sie sagen selber: „Die Frage, ob Wölfe in Deutschland dauerhaft überleben, ist keine Frage von Biologie und Ökologie.“ Zumindest in den derzeitigen Populationen ist es eine Frage dessen, wie weit sich die Wolfsfans über die Ökologie hinwegsetzen. Würden Sie der Natur ihren Lauf lassen, gäbe es sicher eine geringere Anzahl von Wölfen. Für ein natürliches Gleichgewicht braucht man keine Wolfspatenschaften. Die braucht man, wenn man das natürliche Gleichgewicht mit einer grenzenlos überhöhten Population stören will.

    Während viele andere Wildtiere jagdbar sind, wollen Sie dies bei Wölfen um jeden Preis verhindern. Sie sprechen hier zynischerweise von „Artenschutzkriminalität“. Ist es nicht eher Notwehr der vom Wolf potenziell Geschädigten? Die Wölfe in derzeitigen Bestandeszahlen sind keine bedrohte Art, sondern nur das Maskottchen Ihres Hobbyvereines. Ist es nicht eher Artenschutzkriminalität, wenn man artenreiche Weideökosysteme zugrunderichtet? Einem Verein, der 1933 begeistert die Machtübernahme der Nazis begrüßte, stünde heute etwas mehr Bescheidenheit und Bürgernähe doch gut zu Gesichte.

    So kann ich Ihnen eigentlich nur noch wünschen, dass Sie entweder in mehr Kommunikation zu Weidetierhaltern und Naturschützern treten und in der Folge Ihre Wolfspolitik gründlich revidieren oder aber dass in immer weiteren Kreisen bekannt wird, dass Ihr NABU mit Naturschutz, Artenschutz, Biotopschutz und Umweltschutz rein gar nichts mehr zu tun hat. Der NABU hat durch seine Verantwortungslosigkeit abgewirtschaftet. Ihr Ruf nach dem Wolf als Rächer scheint Ihr letzter verzweifelter Schrei nach Beachtung und Anerkennung in der Öffentlichkeit und nach großzügigen Spendengeldern von naturentfremdeten Städtern zu sein. Soll das so bleiben? Oder wollen Sie sich nicht doch mal wieder für die vier Säulen stark machen, die am Beginn des vierbuchstabigen Namens standen?

    Quelle: Gereon Janzing – mitfreudeselbermachen.info

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