Mit der Kolumne „So blind können nur Bauern sein“ zum EU-Mercosur-Abkommen hat der SPIEGEL eine kontroverse Debatte ausgelöst. Der Beitrag stellt die Kritik vieler Landwirte am Abkommen als rückwärtsgewandt dar und betont vor allem gesamtwirtschaftliche Vorteile.
Warum dieser Titel viele Bauern fassungslos macht
Mit der Zuspitzung „So blind können nur Bauern sein“ hat Der Spiegel viele Landwirte nicht wegen der Provokation verärgert, sondern wegen der fehlenden Nähe zur Praxis. Die pauschale Darstellung blendet wirtschaftliche Zwänge, unterschiedliche Produktionsstandards und reale Wettbewerbsbedingungen aus. Der folgende Leserbrief ordnet die Debatte aus Sicht einer Milchbäuerin ein – direkt aus dem landwirtschaftlichen Alltag.
Sehr verehrter Herr Blome,
vorweg: Ich mag Sie. Ich höre Ihnen gern zu – jede Woche in Ihrem „kleinen Podcast“ mit Herrn Augstein. Und ich gehöre zu denen, die beim Klang Ihrer Stimme nicht einschlummern, sondern aufmerksam zuhören. Ich schätze Ihre politische Beobachtungsgabe und Ihre analytische Schärfe.
Aber auch die Besten ihres Fachs stoßen bisweilen an Grenzen. In der Agrarpolitik, so scheint es, sind Sie nun an eine gestoßen.
„So blind können nur Bauern sein“ – ein Titel, der sofort Orientierung bietet. Nicht für uns Bauern, versteht sich, sondern für Ihre Leser: Hier schreibt jemand, der sich seiner Perspektive sehr sicher ist. Ich selbst kam gerade aus dem Melkstand, als ich Ihre Kolumne las. Blind war ich da nicht. Eher gut informiert über Milchpreise, Auflagen, Kreditlinien und die aktuelle Weltmarktlage. Diese Dinge lernt man schnell, wenn Fehlentscheidungen den eigenen Hof kosten können.
Sie attestieren uns Landwirten eine bemerkenswerte Kurzsichtigkeit, sobald wir das Mercosur-Abkommen kritisch betrachten. Das greift zu kurz. Tatsächlich gehören wir vermutlich zu den Berufsgruppen, die globale Märkte am unmittelbarsten zu spüren bekommen – nur eben ohne Sicherheitsnetz und mit erstaunlich wenig Meinungsmacht. Weltoffenheit ist für uns kein Leitartikel, sondern tägliche Abhängigkeit.
Ich teile viele Ihrer grundsätzlichen Argumente zum Freihandel. Was ich kritisiere, ist die argumentative Abkürzung, die Sie nehmen: Wer nicht applaudiert, wird moralisch einsortiert. Nationalistisch, rückwärtsgewandt, mindestens verdächtig. Mich enttäuscht, dass ausgerechnet von Ihnen diese Keule kommt. Sie wissen so gut wie ich: Sie ist ein zuverlässiger Debattenbeschleuniger – leider fast immer in Richtung Stillstand. Und sie sagt am Ende mehr über ihren Einsatz aus als über ihr Ziel.
Wir produzieren Milch unter Bedingungen, die politisch gewollt und gesellschaftlich hochgehalten werden: Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz, umfassende Dokumentationspflichten. In dieser Dichte existieren sie so allerdings nur in Deutschland. Selbst im innereuropäischen Vergleich erfüllen wir einen „Goldstandard“ – und der ist teuer. Vor allem für uns Erzeuger.
Gleichzeitig sollen wir mit Importen konkurrieren, die unter völlig anderen Voraussetzungen entstehen. Das ist kein Bauchgefühl, sondern eine Rechenaufgabe. Wer darin keinen Zielkonflikt erkennt, sollte weniger über Blindheit sprechen und mehr über Betriebswirtschaft.
Wenn wir über Modernisierung reden wollen, dann bitte ernsthaft. Wir brauchen eine Gemeinsame Marktordnung, die ihren Namen verdient – nicht nur eine, die Marktgeschehen verwaltet, während Erzeugerpreise kollabieren. Wir brauchen verbindliche Verträge vor der Produktion, damit Planungssicherheit kein frommer Wunsch bleibt. Und wir brauchen eine klare Herkunftskennzeichnung, damit Verbraucher wissen, was sie kaufen – und wofür sie sich entscheiden.
Bäuerinnen und Bauern sind erstaunlich anpassungsfähig. Wir haben Strukturwandel, Auflagenwellen und Preiskrisen überlebt. Was wir uns wünschen, ist kein Protektionismus, sondern Kohärenz: gleiche Regeln, gleiche Verantwortung, gleiche Maßstäbe.
Blind sind wir nicht, Herr Blome.
Wir schauen nur dorthin, wo es wehtut.
Mit freundlichen Grüßen
Uta v. Schmidt-Kühl
Milchbäuerin aus Schleswig-Holstein
Bundessprecherin Landwirtschaft verbindet Deutschland e. V.
Lesermeinungen sind die persönliche Meinung der Schreiber und entsprechen nicht unbedingt der Auffassung der Redaktion.
Quelle: Uta v. Schmidt-Kühl
Bildquelle: Moderner Landwirt-Archiv / Ki