Cem Özdemir im Interview – Die Lebensmittelversorgung ist in Deutschland sicher

    Interview von Bundesminister Cem Özdemir mit der „Funke Mediengruppe“.

    Frage: Herr Özdemir, wie teuer werden Brot, Obst und Fleisch in diesem Jahr?

    Cem Özdemir: Das hängt davon ab, wie lange der Krieg geht. Putin benutzt die Verknappung von Getreide als Waffe. Er will, dass bei uns die Preise steigen und anderswo, in den ärmsten Ländern der Welt, der Hunger zunimmt. Mit dieser perfiden Strategie nimmt er weltweit Menschen als Geiseln.

    Frage: Planen Sie – wie bei den Energiepreisen – Entlastungen für die Bürger? Wird es Lebensmittelgutscheine geben?

    Cem Özdemir: Die Koalition hat gerade das zweite große Entlastungspaket vorgelegt. Je nachdem, wie sich der Krieg entwickelt, werden wir weitere Maßnahmen ergreifen. Aber ich sage ganz ehrlich: Wir können den Krieg und seine Folgen nicht ungeschehen machen.

    Frage: Können wir uns die Agrarwende – höhere Standards für Tier-, Arten- und Klimaschutz – noch leisten?

    Cem Özdemir: Es ist bezeichnend, dass daran ausgerechnet diejenigen zweifeln, die uns in den letzten Jahren in die energiepolitische Abhängigkeit von Russland geführt haben. Der Hunger in der Welt wird maßgeblich angetrieben von der dramatischen Klimakrise, von Dürre, Starkregen und Ernteausfällen, die zu weiteren Konflikten führen. Nachhaltige Ernährungspolitik ist deshalb auch Sicherheitspolitik. Ich werde auf keinen Fall Maßnahmen ergreifen, die die Klimakrise noch beschleunigen und die Arbeitsgrundlage unserer Landwirtschaft und damit unsere Ernährung zerstört. Wir müssen die multiplen Krisen zusammen bekämpfen. Und wir müssen unsere Abhängigkeit von autoritären Regimen reduzieren. Die Kreislaufwirtschaft auch in der Landwirtschaft kann dazu einen Beitrag leisten.

    Frage: Konkret?

    Cem Özdemir: Wir müssen über den Flächenverbrauch diskutieren – wertvolle Felder gehen Tag für Tag verloren, weil sie überbaut werden, während der Leerstand anderswo zunimmt. Und wir müssen darüber diskutieren, wie viel Getreide an Tiere verfüttert wird und ob wir landwirtschaftliche Fläche nicht doch eher dazu nutzen, möglichst viele Menschen zu ernähren. Ich finde es nicht vertretbar, dass in Deutschland 60 Prozent des Getreides in Futtertrögen landen, während anderswo Menschen hungern, übrigens auch schon vor dem Krieg. Der Hunger wütet überall dort am heftigsten, wo auch die Klimakrise schon voll zuschlägt. Wir müssen jetzt aus diesem Teufelskreis ausbrechen, nicht morgen oder irgendwann.

    Frage: Also weniger Tierzucht und mehr Getreideanbau?

    Cem Özdemir: Die Wissenschaft rät seit Jahren dazu, dass wir unseren Fleischkonsum deutlich reduzieren sollten. Wenn wir unseren Ernährungsstil auf den gesamten Planeten übertragen, reicht die Fläche gar nicht aus. Ein Teil der Lösung lautet: Weniger Tiere, weniger Fleischkonsum.

    Frage: Als Vegetarier sagt sich das leicht.

    Cem Özdemir: Ich schreibe mit Sicherheit niemandem vor, was sie oder er zu essen hat! Aber es ist doch so: alle Gesundheitsexperten empfehlen uns, dass wir weniger Fleisch und dafür mehr Obst, Gemüse und vor allem Hülsenfrüchte essen sollten. Das ist ein Beitrag zur eigenen Gesundheit, zum Klimaschutz – und es hilft uns, eine Antwort auf Putin zu geben, indem wir Anbauflächen für Getreide bekommen.

    Frage: Apropos Tierwohl. Was wird aus den Plänen für ein staatliches Tierwohl-Siegel?

    Cem Özdemir: Wir arbeiten an einer verpflichtenden Tierhaltungskennzeichnung und sind auf gutem Wege. Ich habe eine erste Milliarde als Anschubfinanzierung herausgehandelt, um den Umbau der Ställe zu unterstützen. Das reicht aber natürlich hinten und vorne nicht. Als Koalition haben wir uns auf ein solidarisches Finanzierungsmodell geeinigt, mit dem wir artgerechte Ställe finanzieren. Die Bäuerinnen und Bauern sollen weniger Tiere halten und mehr Platz für sie haben, für diesen Schritt brauchen sie eine wirtschaftliche Perspektive.

    Frage: Wann führen Sie das Tierwohl-Siegel ein?

    Cem Özdemir: Wir wollen das Gesetz zur Haltungskennzeichnung noch im Sommer vorstellen. Die staatliche Kennzeichnung soll dann im nächsten Jahr eingeführt werden – beginnend beim Schweinefleisch. Schritt für Schritt wird es dann auf die anderen Nutztierarten ausgeweitet. Die Bauern, die Verbraucherschützer, der Handel – viele wollen diese Kennzeichnung. In der Koalition diskutieren wir noch über die konkrete Ausgestaltung. Ich kann allen nur sagen: Wer den Umbau der Tierhaltung blockiert, wird es den Leuten nachher auch erklären müssen.

    Frage: Und wenn die Kennzeichnung kommt, müssen Sie den Leuten erklären, dass Fleisch teurer wird.

    Cem Özdemir: Es geht darum, dass die Bauern ein faires Einkommen haben und die Tiere gut gehalten werden. Momentan bekommt der Bauer von einem Euro, den Kundinnen und Kunden für Schweinefleisch ausgeben, gerade einmal 21 Cent.

    Frage: Sie sagen also auch in der Krise: Fleisch ist zu billig.

    Cem Özdemir: Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber man muss schon sehen, von wo wir kommen. Ein System, das Fleisch zu billigsten Preisen anbietet, verlagert die Kosten auf unsere Umwelt. Auch unsere Landwirtinnen und Landwirte sind Leidtragende, denn sie bekommen keine kostendeckenden Preise für ihre Produkte. Das alles ist nicht nachhaltig und führt dazu, dass immer mehr Betriebe verschwinden.

    Frage: Wie sehen eigentlich die privaten Lebensmittelvorräte des Ernährungsministers aus?

    Cem Özdemir: Wir haben haushaltsübliche Mengen. In der Corona-Pandemie hat es sich bewährt, dass man genug zu Hause hat für ein paar Tage.

    Frage: Haben Sie die Vorräte aufgestockt seit Kriegsbeginn?

    Cem Özdemir: Nein.

    Frage: Was sagen Sie jenen, die Nudeln, Mehl und Speiseöl hamstern?

    Cem Özdemir: Mein Rat: Lasst das Hamstern bleiben! Dafür besteht schlicht nicht die Notwendigkeit. Hamsterkäufe führen nur dazu, dass sich die Dinge künstlich im Regal verknappen und sich Unruhe breit macht. Am Ende müssen die Lebensmittel von den Geschäften rationiert werden. Jeder sollte das einkaufen, was er für sich auch tatsächlich braucht. Das ist auch eine Frage der Solidarität. Wenn ich mir die Depots fülle und meine Nachbarn nichts mehr bekommen, ist das kein besonders soziales Verhalten.

    Frage: Geben Sie den Bürgern eine Garantie, dass die Lebensmittelversorgung sicher ist?

    Cem Özdemir: Die Lebensmittelversorgung ist in Deutschland sicher, das gilt auch für die EU. Aber wir haben bestimmte Bereiche, wo wir eine höhere Abhängigkeit von der Ukraine oder von Russland haben. Beim Sonnenblumenöl müssen wir gerade Abstriche in Kauf nehmen. Die gute Nachricht ist: Mit Rapsöl können wir das einigermaßen kompensieren.

    Frage: Rapsöl wird auch für Biosprit verwendet. Ist das noch zu verantworten?

    Cem Özdemir: Der Umgang mit Biosprit gehört auf die Tagesordnung – auch wenn bei uns der Anteil der geernteten Nahrungs- und Futterpflanzen, die in den Tank wandern, deutlich geringer ist als etwa in den USA. Dort wird so viel Mais für Biosprit verwendet, dass man den Ernteausfall in der Ukraine locker ausgleichen könnte.

    Frage: Was unternehmen Sie?

    Cem Özdemir: Darüber bin ich im Gespräch mit der Umweltministerin und dem Wirtschaftsminister. Wir schauen uns das genau an. Es ist nicht nachhaltig, Weizen und Mais in den Tank zu schütten. Mit den immensen Flächen, die auf der ganzen Welt dafür verwendet werden, könnte man hungernde Menschen ernähren und gleichzeitig einen Beitrag leisten zur Ökologie. Global gesehen, müssen wir den Biosprit auf jeden Fall reduzieren.

    Frage: Was bleibt von diesen Ankündigungen, wenn der Krieg zu Ende ist?

    Cem Özdemir: Es wird keine Rückkehr zum Zustand vor dem Krieg geben. Wir dürfen uns nicht mehr von den Putins dieser Welt abhängig machen. Ich kann Ihnen Brief und Siegel geben: Eine Koalition, der die Grünen angehören, wird das nicht tun. Wir haben bei Tschetschenien weggeschaut, als Putin die Stadt Grosny dem Erdboden gleichgemacht hat. Wir haben bei Georgien weggeschaut, wir haben bei der Krim nicht wirklich hingesehen. Dieses Mal werden wir daraus lernen. Sonst ist uns wirklich nicht mehr zu helfen. Die liberalen Demokratien müssen sich auf ihre eigenen Kräfte besinnen und eng zusammenarbeiten.

    Frage: Die Ampelkoalition arbeitet auch mit Katar zusammen, das berüchtigt ist für Menschenrechtsverletzungen.

    Cem Özdemir: Um Putins gefährliches Spiel zu durchkreuzen, müssen wir auch mit Regimen zusammenarbeiten, mit denen ich ungern zusammenarbeite. Mir blutet das Herz, wenn wir Gas aus Katar beziehen. Aber das müssen wir jetzt leider machen, weil wir von den Vorgängerregierungen eine Abhängigkeit von Russland geerbt haben. Wenn wir die Abhängigkeit von autoritären Regimen reduzieren wollen, dann geht das nicht ohne unsere Bereitschaft, auch etwas dafür zu tun in Deutschland. Wir müssen unseren Wohlstand sichern – aber doch bitte so, dass nicht anderswo die Menschen zu Schaden kommen.

    Quelle: „Funke Mediengruppe“, 31. März 2022

    Fragen von Jochen Gaugele und Beate Kranz

    Quelle: BMEL

    Bildquelle: Cem Özdemir / S. Kaminski

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