Landwirtschaft verstehen – Eine Initiative von Land schafft Verbindung Deutschland e.V.

    Teil 1: Dünger – Engel oder Teufel? Auswirkungen auf die Biodiversität.

    Bundesumweltministerin Svenja Schulze und das Umweltamt der Europäischen Union streben wesentlich weniger Düngung zur Verhinderung überdüngter Flächen und verunreinigten Grundwassers an. Andererseits gelangen durch reduzierte Düngung weniger Nährstoffe in den Boden, als die Pflanzen beim Wachstum brauchen – dem Boden werden also langfristig Nährstoffe entzogen.

    Welche Auswirkungen hat der Nährstoffentzug nun auf die Artenvielfalt? Der von Frau Schulze kürzlich vorgestellte „Bericht zur Lage der Natur“ gibt einen Hinweis: erstellt in Zusammenarbeit mit den Umweltbehörden der Länder, nutzt er als Messgröße die sogenannte Biodiversität. Die Bodenfläche Deutschlands wird gemäß dem „Meßtischblatt“ in Quadrate eingeteilt und haupt- sowie ehrenamtliche fachkundige Personen zählen in diesen Regionen Vögel, Pflanzen, Insekten und Pflanzengesellschaften. Je mehr Arten gefunden werden, desto höher ist die Biodiversität.

    In Städten ist zeigt sich eine höhere Biodiversität als auf dem Land – eigentlich auf den ersten Blick unlogisch, oder? Schaut man aber näher hin wird klar: in Gärten werden wesentlich mehr verschiedene, oft exotische und nicht heimische Pflanzen gepflegt als dies in einer Agrarlandschaft der Fall ist – hier werden auf größeren Ackerflächen heimische Nutzpflanzen kultiviert. Ebenso gibt es in der Stadt mehr Brutmöglichkeiten für Vögel als z.B. an einem Kartoffel- oder Getreideacker.
    Trotz allem hat sich in den letzten 500 Jahren die Artenzahl an Farn- und Blütenpflanzen nicht verändert, ausgestorbenen Pflanzenarten wurden in Deutschland durch Neuzugänge (Neophyten) ausgeglichen:

    Neophyten 1
    Quelle: Korneck et al. Auswertung der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands (BMU)

    Ein weiteres Kriterium und derzeit wichtigeres Indiz für den Zustand der Natur sind die in der „Roten Liste“ geführten Arten, die von der Europäischen Union festgelegt werden. Die Ausschüttung von Geldmitteln soll helfen, den Zustand der bedrohten Arten zu verbessern und eine Erfolgskontrolle wird beispielsweise wie in Deutschland über den Bericht zur Lage der Natur vorgenommen. Ein Vertragsverletzungsverfahren der EU steht im Raum, sollte der Zustand der Natur in Deutschland nicht dahingehend verbessert werden, dass die in der „Roten Liste“ geführten Arten nicht weiter bedroht sind.

    Eine Aussage des Berichtes zur Lage der Natur ist, dass viele der vom Aussterben bedrohten oder gefährdeten Arten typischen nährstoffarmen Standorten wie beispielsweise Magerrasen zuzuordnen sind. Diese Arten sind „Armutskünstler“, die auf nährstoffarmen Böden bestens gedeihen.

    Erfasste Pflanzendaten gibt es übrigens seit 1850 – viele Hobbybiologen haben damals mit umfangreichen Aufzeichnungen begonnen, die uns helfen, brauchbare Rückschlüsse auf die Arten dieser Zeit zu ziehen.

    Nun stellt sich die Frage, warum sich die Armutskünstler vor 1850 in unserer Kulturlandschaft ausbreiten konnten und warum sie seit Beginn der Industrialisierung auf dem Rückzug sind:

    Um 1850 waren die sinnvollen Acker- und Grünlandstandorte eigentumsrechtlich geordnet, nicht aber große Teile von Bruchlandschaften, Mooren und Wäldern. Aus diesen „freien“ Gebieten bediente sich die Bevölkerung nach Bedarf, um beispielsweise Brennholz, Einstreu, Ton zum Brennen von Tellern oder Weidenzweige zum Korbflechten zu gewinnen. Besonders dort, wo sich gleichzeitig viele Menschen ansiedelten, war der Raubbau an der Natur deutlich zu sehen. Buchstäblich jedes Blatt wurde vom Boden aufgekehrt und genutzt und andererseits wurden keine Pflanzenreste oder Tierausscheidungen zur Düngung in diese Gebiete gebracht. Auch auf den Äckern waren Nährstoffe knapp. Üblich waren die Schwarzbrachen, bei denen zur Nährstoffmobilisation Humus abgebaut wurde – nur hofnahe Flächen bekamen Mist als Dünger. Diese Art der Kulturlandschaftsnutzung sorgte über die Jahrhunderte für eine zunehmende Verarmung der Böden: auf sandigen Flächen bildeten sich vorwiegend Heiden, die Armutskünstler hatten somit die Möglichkeit der Ausbreitung und die sonst konkurrenzstärkeren, nährstoffliebenden Pflanzen wurden an vielen Standorten zurückgedrängt. Da aber häufig auch eine spezialisierte Insektenart als Kulturfolger an eine Pflanzenart gekoppelt ist, erhöhte sich in der Zeit um 1850 die Artenvielfalt. Hobbybiologen entdeckten in diesen Gebieten immer wieder neue Arten, sowohl bei Pflanzen als auch bei Insekten und Vögeln.

    Mit Beginn der Industrialisierung war dieser massive Raubbau an der Natur dann vorbei: Brennholz und Torf wurden durch Kohle ersetzt und der Nährstoffentzug auf dem Acker mit Dünger ausgeglichen, damit konnte die Natur wieder Humus aufbauen. Mit Unterstützung durch den erfolgten Nährstoffeintrag durch die Luft dauerte es nicht einmal 100 Jahre, bis sich auf den verarmten Flächen wieder nennenswert Humus angereichert hatte und die Armutskünstler unter dem Konkurrenzdruck nährstoffliebender Pflanzen zurückgingen. Die Pflanzenmasse nahm insgesamt zu und Insekten und andere Lebewesen, die mit der Zersetzung organischer Masse beschäftigt sind, lebten nun im „Schlaraffenland“. Nur die Armutskünstler mit ihren Kulturfolgern hatten wieder einen schweren Stand.

    Im Juni 2020 begutachteten wir mit einem leitenden Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums eine Wiese, die mit staatlicher Förderung seit 30 Jahren nicht mehr gedüngt wurde. Zielsetzung war seinerzeit die Bildung einer mageren Glatthaferwiese: Glatthafer hat sich mittlerweile genügend angesiedelt, die Wiese ist aber nicht mager und seltene Blühpflanzen haben auch nach 30 Jahren immer noch keine Chance. Diese Erfahrung machen auch Landwirte mit den besseren Böden: nur auf sandigen oder flachgründigen Böden bringen die Ausmagerungsmaßnahmen Erfolge. Es ist nun schwer vorstellbar, wie unter heutigen Bedingungen eine Verbesserung des Zustandes der Armutskünstler bewerkstelligt werden kann. Es gibt hier viele Zielkonflikte, beispielsweise steht ein weiterer Humusabbau – der das Bestehen der Armutskünstler fördern würde – dem ökologischen Ziel der CO2 -Reduktion im Weg.

    Ist es richtig, den Zustand der Natur an den Pflanzen und Insekten zu messen, die nur bei einer massiven Ausbeutung der Natur überleben?
    Wir Landwirte sagen: Nein! Wir brauchen realistische Zielsetzungen, die den Armutskünstlern unter den Pflanzen mit ihren kulturfolgenden Insekten und anderen Lebewesen einen Lebensraum schaffen und erhalten – nur auf ausgesuchten kleinen Flächen ist die Kultivierung dieser Pflanzen sinnvoll, zieht man insbesondere in Betracht, dass sie vor dem ausbeutenden menschlichen Eingriff nicht häufig vorkamen. Unter den heutigen Lebensbedingungen sind die derzeitigen Ziele, großflächig Magerwiesen anzulegen, nicht zu verwirklichen.

    Der Bericht zur Lage der Natur zeigt ein verzerrtes Bild und sorgt für Frust sowohl bei den die betreffenden Flächen bewirtschaftenden Landwirten als auch bei den Befürwortern der Magerwiesen, die zu wenige Erfolge sehen.

    Werden fragwürdige Regelwerke unreflektiert weiterverfolgt, ist schlussendlich zu befürchten, dass immer mehr Flächen aus der Lebensmittelproduktion genommen werden und damit unsere sichere Nahrungsmittelversorgung gefährdet ist.

    Ist der Dünger nun Engel oder Teufel?

    Wie so oft ist auch hier ein gesundes Mittelmass die Antwort – nur eine bedarfsgerechte Düngung wird langfristig die Nahrungsmittelversorgung unter Berücksichtigung von Natur-, Arten, Klima- und Umweltschutz sicherstellen können.

    Land schafft Verbindung Deutschland e.V.
    Fachgruppe Insektenschutz & Biodiversität

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